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Der Kreis Recklinghausen gilt in Nordrhein-Westfalen als Beispiel für die erfolgreiche Verzahnung von Mobilfunk- und Gigabitkoordination. Um kommunale Mitarbeitende bei diesen Aufgaben zu unterstützen, bietet das Land ein strukturiertes Weiterbildungsprogramm an. Neuerdings werden mit der Einführung der Digitalen Infrastrukturkoordinatorinnen und -koordinatoren beide Themenfelder noch stärker zusammengeführt und ganzheitlicher betrachtet. Ziel ist es, Synergien besser zu nutzen, Prozesse effizienter zu gestalten und Kommunen bei der Planung und Umsetzung digitaler Infrastruktur bestmöglich zu unterstützen.

Im Interview sprechen wir mit Qendresa Behluli (Koordinatorin digitale Infrastruktur, Kreis Recklinghausen, Bereich regionale Strukturentwicklung) und Julia Watermeyer (Breitbandkoordinatorin, Kreis Recklunghausen) darüber, wie dieser Ansatz in der Praxis funktioniert.

Jennifer Bengelsdorf (Gigabitbüro des Bundes): Wie ist die Digitale Infrastrukturkoordination im Kreis Recklinghausen organisatorisch aufgestellt und welche Aufgaben übernehmen Sie konkret?

Qendresa Behluli: Die Digitale Infrastrukturkoordination ist beim Kreis Recklinghausen im Fachdienst Nachhaltige Kreisentwicklung angesiedelt, die sich neben Glasfaser und Mobilfunk auch mit Mobilität, Klima und Planung beschäftigt. Dadurch ergeben sich verschiedene Schnittstellen, die auch für die Bearbeitung und Koordination digitaler Infrastruktur von Bedeutung sind. Dazu gehören sowohl strategische als auch sehr konkrete operative Aufgaben. Wir unterstützen Kommunen beispielsweise bei Fragen zum Glasfaser- und Mobilfunkausbau, begleiten Förderverfahren und Ausbauprojekte, werten Versorgungs- und Infrastrukturdaten aus und stehen im Austausch mit Netzbetreibern, Projektträgern, Ministerien und weiteren Akteuren.

Ein wichtiger Punkt ist auch die Vermittlungsfunktion: Wir sind nicht selbst Netzbetreiber und bauen auch nicht selbst Netze. Unsere Aufgabe ist vielmehr, die richtigen Informationen zusammenzuführen, Ansprechpartner miteinander zu vernetzen und dort zu unterstützen, wo kommunale oder kreisweite Koordination erforderlich ist.

Jennifer Bengelsdorf: Was sind typische Anfragen, die an Sie adressiert werden?

Julia Watermeyer: Die Bandbreite ist relativ groß. Bei den Kommunen geht es beispielsweise um die Frage, welche Fördermöglichkeiten für einen bestimmten Bereich bestehen, wie sich die Versorgungssituation darstellt oder wie ein konkretes Ausbauvorhaben einzuordnen ist. Im Mobilfunk kommen häufig Standortfragen hinzu: Wo besteht ein Versorgungsdefizit? Welche Standorte kommen grundsätzlich infrage? Welche kommunalen oder kreiseigenen Flächen könnten möglicherweise genutzt werden? Und welche Stellen müssen für ein konkretes Vorhaben eingebunden werden? Darüber hinaus kommen auch Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern oder Unternehmen, die beispielsweise wissen möchten, wann ein bestimmtes Gebiet ausgebaut wird oder wie die eigene Adresse versorgt ist.

Jennifer Bengelsdorf: Was waren aus Ihrer Sicht die Beweggründe des Ministeriums, die Themen hochleistungsfähige Mobilfunk- und Festnetze stärker miteinander zu verzahnen? Gab es Erfahrungen, die diesen Schritt angestoßen haben?

Qendresa Behluli: Im Arbeitsalltag haben wir festgestellt, dass sich die Aufgaben der Gigabit- und der Mobilfunkkoordination in vielen Bereichen sehr ähnlich sind. Beide Funktionen bilden eine Schnittstelle zwischen den Kommunen und den Telekommunikationsunternehmen, begleiten Ausbauvorhaben und sind darauf angewiesen, Informationen und Daten zur bestehenden Infrastruktur zu sammeln, aufzubereiten und aktuell zu halten. Deshalb lag für uns der Gedanke nahe, diese Themen stärker zusammenzudenken und auch die vorhandenen Strukturen und Erfahrungen gemeinsam zu nutzen.

Aus Sicht der kommunalen Ebene wäre es daher hilfreich, wenn das Ministerium die verschiedenen Förder- und Ausbauinstrumente noch stärker miteinander verzahnt und Kommunen und Kreise bei einer integrierten Planung unterstützt. So könnte digitale Infrastruktur langfristig ganzheitlicher betrachtet werden – unabhängig davon, ob die Verbindung am Ende über Glasfaser oder Mobilfunk beim Nutzer ankommt.

Jennifer Bengelsdorf: Wo sehen Sie heute die größten Vorteile der gemeinsamen Betrachtung von Mobilfunk- und hochleistungsfähigem Festnetzausbau gegenüber einer getrennten Bearbeitung der Themen?

Qendresa Behluli: Der größte Vorteil ist für uns der gemeinsame Blick auf die digitale Versorgung insgesamt. Wenn wir beispielsweise eine Versorgungslücke betrachten, können wir gleichzeitig fragen: Wie ist die Festnetzversorgung an diesem Ort? Wie sieht es beim Mobilfunk aus? Gibt es bereits einen geplanten Ausbau? Welche Infrastruktur ist vorhanden? Dadurch vermeiden wir, dass dieselbe Fragestellung aus zwei verschiedenen Perspektiven mehrfach betrachtet wird.

Jennifer Bengelsdorf: Welche Formate oder Strukturen haben sich in der Zusammenarbeit mit Netzbetreibern, Kommunen und weiteren Akteuren besonders bewährt?

Julia Watermeyer: Bewährt haben sich vor allem regelmäßige Abstimmungen. Bei konkreten Ausbauvorhaben ist es häufig effizienter, die relevanten Akteure frühzeitig an einen Tisch zu bringen, anstatt viele Einzelfragen nacheinander über verschiedene Stellen zu klären. Generell versuchen wir, regelmäßig mit den jeweiligen Netzbetreibern im Austausch zu bleiben, um über Ausbauvorhaben informiert zu sein. Außerdem veranstalten wir regelmäßige Treffen mit den Breitband- und Mobilfunkkoordinatoren der Städte, um diese über aktuelle Themen zu informieren und einen Austausch untereinander zu ermöglichen.

Jennifer Bengelsdorf: Welche Informationen, Daten oder Abstimmungen werden gemeinsam genutzt?

Julia Watermeyer: Eine wichtige Grundlage sind die Versorgungsdaten. Beim Glasfaserausbau betrachten wir beispielsweise die verfügbaren Informationen zu bestehenden und geplanten Ausbauvorhaben sowie zu Förderkulissen. Im Mobilfunk spielen unter anderem Versorgungskarten, Messungen und Informationen zu bestehenden oder geplanten Standorten eine Rolle. Darüber hinaus sind Informationen zu kommunalen und öffentlichen Infrastrukturen wichtig. Entscheidend ist dabei nicht nur, möglichst viele Daten zu haben, sondern auch, sie richtig einzuordnen. Gerade bei Versorgungsdaten muss man immer berücksichtigen, wie aktuell sie sind, auf welcher Grundlage sie erhoben wurden und welche Aussage sie tatsächlich für einen konkreten Standort zulassen.

Jennifer Bengelsdorf: Können Sie uns anhand eines konkreten Projekts oder einer Maßnahme zeigen, wie die Verzahnung in der Praxis funktioniert, etwa bei einer Mitverlegung oder Standortsuche)?

Qendresa Behluli: Die Ausgangssituation ist häufig eine konkrete Versorgungslücke oder ein geplanter Ausbau, bei dem zunächst Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammengeführt werden müssen. Beteiligt sind dann je nach Projekt beispielsweise die Kommune, der Netzbetreiber, Grundstückseigentümer, weitere Fachbereiche der Verwaltung und gegebenenfalls der Kreis. Bei der Mitverlegung geht es darum, bei geplanten Tiefbau- oder Infrastrukturmaßnahmen frühzeitig zu prüfen, ob weitere digitale Infrastruktur berücksichtigt werden kann. Das funktioniert am besten, wenn die Information über eine geplante Maßnahme möglichst früh vorliegt. Dann können Netzbetreiber oder andere Infrastrukturträger rechtzeitig prüfen, ob eine Mitnutzung oder Mitverlegung sinnvoll und technisch möglich ist. Wir versuchen das Thema besonders in unseren Förderprojekten in den Fokus zu rücken. Der Mehrwert der Koordination besteht darin, diese Beteiligten zusammenzubringen und die Kommunikation zu strukturieren. Nicht jede einzelne Stelle muss alles wissen, aber es muss jemanden geben, der den Überblick behält und die Informationen an die richtige Stelle weitergibt.

Jennifer Bengelsdorf: Wo profitieren Kommunen aus Ihrer Sicht am stärksten von einer engen Verzahnung von Mobilfunk- und Gigabitausbau?

Julia Watermeyer: Der größte Vorteil liegt aus unserer Sicht darin, dass Kommunen digitale Infrastruktur ganzheitlicher betrachten können. Sie müssen nicht mehr für jedes Thema eine eigene Betrachtung anstoßen, sondern können beispielsweise bei einer konkreten Fläche gleichzeitig die Festnetzversorgung, die Mobilfunkversorgung, bestehende Infrastruktur und geplante Ausbauvorhaben betrachten. Dadurch können Entscheidungen besser aufeinander abgestimmt werden. Und gerade für kleinere Kommunen ist es hilfreich, wenn sie auf eine zentrale Kompetenzstelle zurückgreifen können, die Entwicklungen einordnet, Kontakte herstellt und bei komplexeren Fragen unterstützt.

Jennifer Bengelsdorf: Mit der Weiterentwicklung Ihrer Rolle zu Digitalen Infrastrukturkoordinatorinnen werden zunehmend unterschiedliche Aspekte digitaler Infrastruktur zusammengeführt. Welche Rolle spielt dabei das Thema Cybersicherheit aus Ihrer Sicht?

Qendresa Behluli: Cybersicherheit ist aus unserer Sicht ein wichtiger Bestandteil digitaler Infrastruktur, auch wenn sie nicht mit dem eigentlichen physischen Netzausbau gleichzusetzen ist. Wenn wir über digitale Infrastruktur sprechen, geht es letztlich nicht nur darum, dass eine Leitung oder ein Funkstandort vorhanden ist. Die Infrastruktur muss auch zuverlässig und sicher betrieben werden können. Für unsere konkrete Arbeit bedeutet das vor allem, dass wir für das Thema sensibilisiert sein müssen und wissen müssen, wo die eigenen Zuständigkeiten enden und welche Fachstellen beziehungsweise Experten einzubeziehen sind. Gerade als kommunale Koordination sehen wir unsere Rolle deshalb eher darin, Schnittstellen zu erkennen und das Thema bei relevanten Fragestellungen mitzudenken.

Wir würden dabei klar zwischen der Koordination des Infrastrukturausbaus und einer fachlichen Zuständigkeit für Cybersicherheit unterscheiden. Für die Digitale Infrastrukturkoordination geht es darum, Sicherheitsaspekte dort mitzudenken, wo sie für unsere Aufgaben relevant werden, und bei konkreten Fragen die zuständigen Fachstellen einzubinden.

Jennifer Bengelsdorf: Welche Empfehlungen würden Sie anderen Kreisen oder Kommunen geben, die Mobilfunk- und Festnetzausbau künftig ebenfalls stärker verzahnen möchten?

Julia Watermeyer: Wir würden empfehlen, nicht darauf zu warten, dass ein konkretes Problem auftritt. Wichtig ist, frühzeitig Strukturen für den Austausch aufzubauen und feste Ansprechpartner zu benennen. Das gilt sowohl innerhalb der Verwaltung als auch gegenüber Netzbetreibern und Kommunen. Wenn Ansprechpartner bekannt sind und Kommunikationswege funktionieren, lassen sich auch neue Themen deutlich schneller gemeinsam bearbeiten.

Der zweite Punkt ist eine gute Datengrundlage. Man muss wissen, wie die Versorgungssituation aussieht, welche Ausbauvorhaben geplant sind und welche Infrastrukturen möglicherweise zur Verfügung stehen. Wenn Informationen und Daten möglichst zentral zusammengeführt werden, können Handlungsbedarfe und wichtige Akteure schneller erkannt werden. Und schließlich braucht es aus unserer Sicht einen pragmatischen Ansatz. Die Verzahnung darf nicht dazu führen, dass Prozesse komplizierter werden. Sie sollte vielmehr dazu beitragen, Informationen schneller zusammenzubringen und Doppelarbeit zu vermeiden.

Jennifer Bengelsdorf: Zum Abschluss einen Blick in die Zukunft: Wie stellen Sie sich die Rolle der Digitalen Infrastrukturkoordination in fünf Jahren vor und welche Themen werden dann besonders relevant sein?

Qendresa Behluli: Der reine Ausbau wird natürlich weiterhin ein großes Thema sein. Gleichzeitig werden Fragen der Nutzung und Weiterentwicklung der vorhandenen Infrastruktur wichtiger werden. Dazu gehören beispielsweise die Mitnutzung bestehender Infrastrukturen, die bessere Nutzung von Daten, die Koordination verschiedener Infrastrukturmaßnahmen und die Frage, wie wir digitale Infrastruktur dauerhaft leistungsfähig und resilient halten. Auch neue Technologien werden eine Rolle spielen. Wir müssen deshalb offen bleiben für Entwicklungen, die wir heute vielleicht noch nicht konkret absehen können.

Über die Gesprächspartnerinnen

Porträt von Qendresa Behluli
Gesprächspartnerin Quendresa Behluli (Koordinatorin digitale Infrastruktur, Kreis Recklinghausen, Bereich regionale Strukturentwicklung). © Qendresa Behluli

Qendresa Behluli ist als Koordinatorin für digitale Infrastruktur für den Kreis Recklinghausen im Bereich der regionalen Strukturentwicklung tätig. Zuvor war sie die Mobilfunkkoordinatorin und hat sich in dieser Funktion insbesondere um die Unterstützung des Mobilfunkausbaus im Kreisgebiet gekümmert. Dazu zählten die Abstimmung mit den kreisangehörigen Kommunen, Netzbetreibern und weiteren Beteiligten, beispielsweise zu Standortfragen, die Vermittlung von konkreten Ausbauvorhaben und die Begleitung unterschiedlichster Projekte. Mit der neuen Funktion hat sich ihr Aufgabenbereich auch durch den Glasfaserausbau und damit die gesamte kommunale Koordination digitaler Infrastruktur zu erweitert.

Porträt von Julia Watermeyer
Gesprächspartnerin Julia Watermeyer ((Breitbandkoordinatorin, Kreis Recklunghausen) © Julia Watermeyer

Julia Watermeyer ist seit Längerem im Bereich der digitalen Infrastruktur beziehungsweise der Breitbandkoordination tätig. Für den Kreis Recklinghausen hat sie das weiße Flecken Förderprojekt begleitet, bei dem insgesamt etwa 12.000 neue Glasfaser-Hausanschlüsse im gesamten Kreisgebiet realisiert wurden. Nach Abschluss des Projektes haben sie und ihr Team durch den aufrechtgehaltenen Kontakt zu den Telekommunikationsunternehmen eine aktuelle Versorgungsdatengrundlage geschaffen und gepflegt. Mit sechs Städten sind sie im letzten Jahr in ein weiteres Projekt im Rahmen der Grauen Flecken Förderung gestartet.

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