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Der Landkreis Görlitz liegt geografisch mitten in Europa, im Dreiländereck von Deutschland, Polen und Tschechien, und befindet sich mitten in einem der größten Transformationsprozesse, die eine deutsche Region derzeit durchläuft. Wo einst der Braunkohletagebau im Fokus stand, entstehen heute Zukunftsprojekte wie das Net Zero Valley Lausitz oder das Deutsche Zentrum für Astrophysik. Damit daraus ein neuer wirtschaftlicher Motor wird, braucht es eine Voraussetzung: leistungsfähiges, flächendeckendes Internet. Der Landkreis Görlitz koordiniert den Glasfaserausbau deshalb zentral auf Landkreisebene für alle 53 Kommunen. Ein Modell, das inzwischen auch auf Landesebene als Musterprojekt gilt. Im Gespräch mit dem Gigabitbüro des Bundes berichten Landrat Dr. Stephan Meyer, Breitbandkoordinator Sebastian Bergmann und Unternehmerin Corinna Dussa, wie dieser Ansatz in der Praxis funktioniert – ergänzt um eine Einordnung der Digitalagentur Sachsen.

Drei Porträtaufnahmen: zwei Männer im Anzug und eine Frau mit gemusterter Bluse vor unscharfem Hintergrund.
Unsere Interviewpartnerin und Interviewpartner: Dr. Stephan Meyer, Sebastian Bergmann und Corinna Dussa

„Wir reden hier über weit mehr als Technik – es ist eine Chance, die Region für die Zukunft aufzurüsten.“

Dr. Stephan MeyerLandrat Landkreis Görlitz

Entlastung für 53 Kommunen: ein zentraler Ansprechpartner

Logo „Mein Zuhause – Landkreis Görlitz – Wokrjes Zhorjelc“ mit grüner Landkreis-Silhouette in Form eines Fußabdrucks.

Für Dr. Stephan Meyer ist der Breitbandausbau „mit Abstand das größte Infrastrukturvorhaben, das der Landkreis jemals hatte“. Schließlich betrifft er alle 53 Kommunen und damit den gesamten Landkreis. Damit das Vorhaben nicht in kommunale Einzelprojekte mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten zerfällt, schloss der Landkreis 2021 eine Rahmenvereinbarung mit sämtlichen Kommunen. Die Idee entstand aus der Praxis der ersten Ausbauphase, der Erschließung der „weißen Flecken“ zwischen 2019 und 2024: Einige Kommunen, die zunächst in Eigenregie ausbauen wollten, schlossen sich im Projektverlauf dem Landkreis-Cluster an. Diese Erfahrung war die Grundlage dafür, die zweite Phase der Förderung (der „hellgrauen Flecken“ seit November 2025) mit allen 53 Kommunen gemeinsam anzugehen.

Was nach zusätzlichem Verwaltungsaufwand klingt, ist in der Praxis ein Effizienzgewinn. Statt einzelner Ansprechpartner für Fördermittelgeber, Telekommunikationsunternehmen (TKU) und Genehmigungsbehörden gibt es heute sechs gebündelte Landkreisprojekte mit einer zentralen Koordinierungsstelle. Auch die Beteiligung der Träger öffentlicher Belange läuft zentral über das Amt für Mobilität und Infrastruktur. Aus Sicht von Breitbandkoordinator Sebastian Bergmann ist dies eine „wesentliche Synergie innerhalb des gesamten Genehmigungsprozesses“. Auch für die Kommunen selbst, von denen viele ehrenamtlich geführt werden, ist das eine Entlastung: „Der Mehrwert eines Landkreises zeigt sich gerade dort, wo ehrenamtlich geführte Kommunen mit ihrer begrenzten Verwaltungsstruktur an ihre Grenzen kommen“, sagt Dr. Meyer. Der Landkreis übernimmt hier faktisch die Rolle eines Dienstleisters, vergleichbar mit einem Zweckverband. Bergmann bestätigt, dass die Kommunen froh über diese zentrale Anlaufstelle sind, da ihre eigenen personellen Kapazitäten sehr begrenzt sind.

Reibungslos verläuft ein solches Großprojekt dennoch nicht: Im vierzehntägigen Austausch mit den TKU klären Sebastian Bergmann und sein Team vor allem Bürgeranfragen dazu, warum einzelne Adressen nicht in der Förderung enthalten sind.

Vom Tagebau zur Zukunftstechnologie: Glasfaser als Antwort auf den Strukturwandel

„Wir haben eine sehr intensive Zusammenarbeit auch mit polnischen und tschechischen Partnern, im unternehmerischen Bereich, aber auch in vielen anderen Bereichen.“

Dr. Stephan MeyerLandrat Landkreis Görlitz

Der Landkreis Görlitz ist Teil der Lausitzer Kohleregion und mitten im Übergang von der fossilen Energiegewinnung zu einer Wirtschafts- und Forschungsregion. Die geografische Lage sieht Landrat Dr. Meyer dabei als Chance. Verkehrstechnisch gebe es zwar noch Ausbaubedarf, doch wer digital auf dem neuesten Stand sei, verschaffe sich einen handfesten Wettbewerbsvorteil im Strukturwandel. Sichtbar wird dies an Leuchtturmprojekten wie dem Net Zero Valley Lausitz oder dem Deutschen Zentrum für Astrophysik, die auf zuverlässiges, schnelles Internet angewiesen sind. „Wir reden hier über weit mehr als Technik“, so Dr. Meyer. „Es ist eine Chance, die Region für die Zukunft aufzurüsten. Wenn wir das nicht haben, sind wir abgehängt – im wahrsten Sinne des Wortes.“

Dass diese Chance nicht nur Großprojekten vorbehalten bleibt, zeigt sich in Kommunen wie der Gemeinde Schleife, die lange von Abwanderung betroffen war. Dort können mittelständische Familienunternehmen mittlerweile wieder mit einer echten Zukunftsperspektive planen, weil die digitale Infrastruktur langfristig gesichert ist.

Wenn das Internet ausfällt, steht das Unternehmen still: die Perspektive der Wirtschaft

Wie sich eine funktionierende Glasfaseranbindung im unternehmerischen Alltag auswirkt, beschreibt Corinna Dussa, Geschäftsführerin der Dussa GmbH. Ihr Unternehmen, ein Mobilitätsdienstleister im 24-Stunden-Betrieb, unterhält fünf Standorte im Landkreis Görlitz.

„Leistungsfähiges Internet ist für jedes Unternehmen ein maximaler Standortvorteil, eigentlich schon eine Grundvoraussetzung, um heute noch zielorientiert arbeiten zu können“

Corinna DussaGeschäftsführerin Dussa GmbH

Ohne schnelles Internet liefe bei der Einsatzdisposition, beim Fahrzeugtracking und bei Softwareupdates in der eigenen Werkstatt „gar nichts“. Im Vergleich mit Berufskolleginnen und -kollegen aus Westdeutschland wird für sie der Unterschied deutlich: In einem seit 40 Jahren etablierten Gewerbegebiet in Niedersachsen etwa gebe es bis heute keinen Glasfaseranschluss. „Wir hier im Landkreis Görlitz machen absolut viel richtig, wir sind ganz weit vorne“, resümiert sie. An allen Standorten stehen dem Unternehmen Bandbreiten von 1.000 Mbit/s zur Verfügung.

Konkret wurde es durch den Glasfaseranschluss möglich, alle Betriebsstandorte mit Einbruchmeldeanlagen und Videoüberwachung auszustatten. Heute sind die Standorte digital vernetzt, Personal und Fahrzeuge lassen sich in Echtzeit verfolgen, was gerade in einem Unternehmen, das eng mit Rettungsdiensten zusammenarbeitet, im Ernstfall über die Reaktionszeit entscheidet. Wie zentral eine stabile Anbindung inzwischen ist, macht Dussa an einem einfachen Beispiel deutlich: Falle das Internet aus, breche die komplette Cloud-Telefonie zusammen – „dann können wir alle nach Hause gehen“.

Über die betriebliche Ebene hinaus sieht Dussa auch eine Chance für die Region. Weil hier, anders als in Ballungsräumen, Eigentum noch bezahlbar ist, bietet der Landkreis jungen Menschen, die heute digital arbeiten oder eigene Unternehmen gründen wollen, eine echte Bleibeperspektive. Um die vorhandenen freien Gewerbe- und Wohnflächen entwickeln zu können, fehle es noch an flächendeckendem, stabilem Internet.

Ein Vorbild für Sachsen: Einordnung durch die Digitalagentur

Dass der Landkreis Görlitz mit diesem Ansatz auch über die eigenen Grenzen hinaus Beachtung findet, bestätigt die Digitalagentur Sachsen (DiAS), die zentrale Beratungsstelle des Freistaats. Sachsenweit liegt die Glasfaserquote (FTTH/B) derzeit bei knapp 40 Prozent und damit noch unter dem Bundesdurchschnitt. Zugleich entwickelt sich der Ausbau mit einer ‚erfreulichen Dynamik‘, wie es die DiAS beschreibt. Rund 30 TKU sind im Freistaat aktiv, neben großen überregionalen Anbietern spielen auch regionale und lokale Akteure eine wichtige Rolle. Der Freistaat unterstützt den Ausbau durch die Kofinanzierung der Bundesförderung. Bislang wurden für über 230 Förderprojekte rund 1,35 Milliarden Euro an Landesmitteln bereitgestellt. Die DiAS bietet außerdem Beratungsangebote wie Roadshows und Workshops für Kommunen und Genehmigungsbehörden an. Als neutrale Beratungsstelle begleitet sie Landkreise von der Antragstellung bis zur Umsetzung und schafft mit ihrer Plattform für Breitbandkoordinatorinnen und -koordinatoren eine wichtige Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch zwischen den Landkreisen.

Den Landkreis Görlitz hebt die DiAS explizit als gelungenes Musterprojekt hervor: Die Bevölkerung erkenne aufgrund des erlebten Strukturwandels die Bedeutung der digitalen Infrastruktur besonders deutlich und unterstütze den Ausbau entsprechend. Zudem entstünden durch die gebündelte Koordination auf Landkreisebene genau jene Synergieeffekte, die eine flächendeckende Gigabitversorgung in absehbarer Zeit realistisch machten.

Ausblick: ein zukunftsfähiger Industriestandort

Für Dr. Stephan Meyer ist klar, wohin die Reise gehen soll: „Ich gehe fest davon aus, dass man künftig davon sprechen wird, dass wir nicht nur Industriestandort waren, sondern dass wir ein zukunftsfähiger Industriestandort sind.“ Der Glasfaserausbau sei dabei eine der wichtigsten Komponenten, um sich im Wettbewerb mit anderen Regionen zu behaupten. Sebastian Bergmann ergänzt aus operativer Sicht: Projekte dieser Größenordnung erforderten vor allem Verlässlichkeit aller Beteiligten. Von der Rahmenvereinbarung bis zur letzten Inbetriebnahme rechnet der Landkreis immerhin mit rund acht Jahren, hinzu kommt eine siebenjährige Zweckbindungsfrist. Sein Rat an andere Landkreise: Eine zentrale Koordination entlaste dort, wo personelle Ressourcen fehlen, und sorge für eine einheitliche strategische Umsetzung statt unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Aus Sicht von Landrat Dr. Meyer ist dieser Ansatz grundsätzlich übertragbar, schließlich stünden auch andere Landkreise vor der Aufgabe, viele Kommunen mit begrenzten Kapazitäten zu koordinieren.

Über die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner

Porträt von Dr. Stephan Meyer, Landrat des Landkreises Görlitz.

Dr. Stephan Meyer ist Landrat des Landkreises Görlitz.
 

Porträt von Sebastian Bergmann, Breitbandkoordinator des Landkreises Görlitz.

Sebastian Bergmann ist Breitbandkoordinator des Landkreises Görlitz und verantwortet die zentrale Koordination des geförderten Glasfaserausbaus für alle 53 Kommunen des Landkreises.

Corinna Dussa ist Geschäftsführerin der Dussa GmbH, eines Mobilitätsdienstleisters mit fünf Betriebsstandorten im Landkreis Görlitz.

Die Digitalagentur Sachsen (DiAS) ist die zentrale Beratungs- und Koordinierungsstelle des Freistaats Sachsen für den Breitband- und Mobilfunkausbau. Sie begleitet Kommunen und Landkreise vom Erstgespräch bis zur Umsetzung und fungiert als Plattform für Erfahrungsaustausch zwischen den Breitbandkoordinatorinnen und -koordinatoren der Landkreise.

Unsere Artikelreihe zu den Aktivitäten in den Bundesländern

Welche Strategien verfolgen die Bundesländer beim Ausbau digitaler Infrastrukturen? Und welche Maßnahmen setzen sie ein, um den Ausbau von Glasfaser- und Mobilfunknetzen schneller voranzubringen? In dieser Artikelreihe spricht das Gigabitbüro des Bundes mit Vertreterinnen und Vertretern aus den Bundesländern. In den kommenden Monaten werden weitere Bundesländer folgen; alle Länder sind eingeladen, sich aktiv an dem Format zu beteiligen.

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+49 30 2636 5040 kontakt@gigabitbuero.de

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