Mehr Transparenz für den Glasfaserausbau: Baden-Württembergs Gigabitatlas – ein Interview mit Daniel Röck
Baden-Württemberg gehört zu den Flächenländern mit einer vergleichsweise hohen Gigabitverfügbarkeit und setzt beim Glasfaserausbau auf eine Kombination aus eigenwirtschaftlichen Aktivitäten, gezielter Förderung und enger Zusammenarbeit aller Akteure. Ein zentrales Instrument ist dabei der Gigabitatlas Baden-Württemberg, der nicht nur den aktuellen Versorgungsstand, sondern auch geplante Ausbauprojekte sichtbar macht. Im Interview spricht Daniel Röck, Referatsleiter für Digitale Infrastruktur im Ministerium des Inneren, für Digitalisierung und Kommunen Baden-Württemberg, über den aktuellen Stand des Ausbaus, den Glasfaserpakt Baden-Württemberg und den Gigabitatlas.
Das Interview mit Daniel Röck führte Finja Ahlborn, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit im Gigabitbüro.
Finja Ahlborn: Können Sie uns zum Einstieg einen Überblick über den aktuellen Ausbaustand beim Gigabitausbau in Baden-Württemberg geben?
Daniel Röck: Laut Breitbandatlas des Bundes liegt die Gigabitverfügbarkeit bei uns in Baden-Württemberg derzeit bei 76,63 % über alle Technologien hinweg. Das bedeutet, dass rund drei von vier Haushalten bereits Zugang zu einem Gigabitanschluss haben. Gleichzeitig befinden sich viele Projekte noch im Bau oder in Planung. Diese sind in den aktuellen Statistiken häufig noch nicht sichtbar. Deshalb ist es wichtig, neben dem momentanen Stand auch die kommenden Ausbauprojekte zu betrachten.
Finja Ahlborn: Wenn wir auf diese Ausbauprojekte schauen: Baden-Württemberg ist ein eher ländlich geprägtes Bundesland mit vielen geografischen Herausforderungen, beispielsweise den großen Höhenunterschieden. Wie gelingt es dennoch, den Ausbau voranzubringen?
Daniel Röck: Zwei Faktoren sind bei uns im Bundesland entscheidend: eine gezielte Förderung und die Zusammenarbeit der beteiligten Akteure.
Wir orientieren uns ganz an dem geltenden Grundsatz „Markt vor Staat“. Das bedeutet, dass der eigenwirtschaftliche Ausbau Vorrang hat, wo er wirtschaftlich möglich ist. Gleichzeitig gibt es Regionen, in denen eine Förderung notwendig ist, etwa aufgrund großer Entfernungen oder schwieriger topografischer Bedingungen, wie beispielsweise im Schwarzwald oder auf der Schwäbischen Alb. Baden-Württemberg hat deshalb bereits früh eigene Förderprogramme aufgelegt und beteiligt sich auch an der Kofinanzierung der Bundesförderung seit deren Start Ende Oktober 2015.
Ein weiterer entscheidender Erfolgsfaktor sind unsere Kommunen. Viele Städte, Gemeinden und Landkreise haben früh erkannt, wie wichtig eine leistungsfähige digitale Infrastruktur ist und treiben den Ausbau mit großem Engagement vor Ort voran.
Finja Ahlborn: Die enge Zusammenarbeit im Land hat auch zum Glasfaserpakt Baden-Württemberg geführt, der im Sommer 2025 unterzeichnet wurde. Wann und wie kamen Sie auf die Idee, einen solchen Pakt zu schließen und welche Maßnahmen wurden festgehalten?
Daniel Röck: Wir haben in den letzten Jahren gemerkt, wie die Digitalisierung Wirtschaft und Gesellschaft immer stärker verändert. Gleichzeitig sind die Herausforderungen beim Ausbau der digitalen Infrastrukturen erheblich, sowohl finanziell als auch organisatorisch. Deshalb wollten wir schon in den Jahren 2019 und 2022 alle relevanten Akteure an einen Tisch bringen und den gemeinsamen Willen in einem Pakt festhalten. Beim dritten Anlauf hat es im letzten Jahr endlich geklappt.
Im Rahmen eines umfassenden Beteiligungsprozesses haben wir den Glasfaserpakt gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der kommunalen Landesverbände, Telekommunikationsunternehmen, Branchenverbänden, Stadtwerken sowie weiteren Partnern entwickelt. Bereits während des Prozesses war bemerkenswert, in welch großem Umfang die jeweiligen Akteure Verständnis für die Perspektiven des jeweils anderen entwickelt haben und wie konstruktiv und partnerschaftlich die Verhandlungen abgelaufen sind. Ziel unseres gemeinsamen Pakts ist es, die Zusammenarbeit zu stärken, Transparenz zu schaffen und den Ausbau im Land weiter zu beschleunigen. Ein wichtiger Bestandteil des Paktes ist auch die gemeinsame Fortschrittsdokumentation, unter anderem durch den Gigabitatlas Baden-Württemberg.
Finja Ahlborn: Wie entstand die Idee für den Gigabitatlas?
Daniel Röck: Der Gigabitatlas ergänzt bestehende Instrumente, wie den Breitbandatlas des Bundes. Während dieser den aktuellen Versorgungsstand zeigt, bildet der Gigabitatlas zusätzlich laufende und geplante Ausbauprojekte in Baden-Württemberg ab. Das ist wichtig für die Transparenz. Häufig werden wir gefragt, ob Förderprogramme überhaupt Wirkung zeigen, weil sich in den Daten scheinbar wenig verändert. Tatsächlich passiert aber schon sehr viel, nur ist das in den Statistiken noch nicht sichtbar.
Finja Ahlborn: Wie können die verschiedenen Nutzergruppen, also Bürgerinnen und Bürger, Kommunen und Unternehmen, den Gigabitatlas für sich beim Ausbau nutzen?
Daniel Röck: Der Gigabitatlas soll allen Nutzergruppen als zentrales Informations- und Planungsinstrument dienen.
Bürgerinnen und Bürger können sehen, wie die Versorgung an ihrem Wohnort aussieht, sowohl aktuell als auch perspektivisch. Das kann beispielsweise bei der Wahl eines Wohnortes oder eines Unternehmensstandorts eine Rolle spielen.
Für Kommunen bietet der Atlas eine wichtige Grundlage für strategische Entscheidungen. Sie können potenzielle Ausbaugebiete identifizieren und sich besser mit Netzbetreibern abstimmen.
Telekommunikationsunternehmen können ihre Ausbauaktivitäten transparenter darstellen und gleichzeitig erkennen, wo bereits Projekte geplant sind. Für das Land und auch für den Bund ist der Atlas ein Steuerungs- und Monitoring-Instrument. Er hilft uns bei der strategischen Planung und bei der Kommunikation gegenüber Öffentlichkeit und Politik.
Finja Ahlborn: Mit welchen Herausforderungen waren Sie beim Aufbau des Gigabitatlas konfrontiert?
Daniel Röck: Die größte Herausforderung war und ist für uns die Datengrundlage. Wir erhalten die Ausbauinformationen zu verschiedenen Zeitpunkten, aus vielen unterschiedlichen Quellen und in unterschiedlichen Formaten, von Geodaten über Tabellen bis hin zu Pressemitteilungen. Diese Daten müssen laufend zusammengeführt, geprüft und aufbereitet werden. Gleichzeitig ist es wichtig, eine möglichst aktuelle und belastbare Datengrundlage zu schaffen. Langfristig wäre eine standardisierte und regelmäßige Datenlieferung aller Beteiligten ideal. Daran arbeiten wir derzeit gemeinsam mit den verschiedenen Akteuren.
Finja Ahlborn: Trotz der vorangegangenen Herausforderungen kann der Gigabitatlas seit letztem Jahr eingesetzt werden. Wie wird er bisher angenommen?
Daniel Röck: Der Atlas ist seit Juli 2025 online, also noch relativ neu. Uns war wichtig, ihn zeitgleich mit der Unterzeichnung des Glasfaserpaktes zu veröffentlichen und damit ein erstes konkretes Ergebnis zu präsentieren.
Das bisherige Feedback kommt vor allem aus Fachkreisen, von Kommunen und Landkreisen. Dort wird insbesondere die höhere Transparenz positiv bewertet. Bei Netzbetreibern sehen wir teilweise noch Zurückhaltung, vor allem beim Thema Datenlieferung. Hier spielen Fragen des Aufwands und der Vertraulichkeit von Unternehmensdaten eine Rolle. Wir gehen davon aus, dass sich das mit zunehmender Nutzung des Atlas etablieren wird.
Aktuell arbeiten wir daran, die Darstellung weiterzuentwickeln, beispielsweise durch interaktive Web-GIS-Funktionen und eine Visualisierung der Daten bis auf Adressebene. Ziel ist es, das Tool schrittweise auszubauen.
Finja Ahlborn: Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Was stimmt Sie optimistisch für den weiteren Ausbau digitaler Infrastrukturen?
Daniel Röck: Mich stimmt es sehr optimistisch zu sehen, dass wir in unserem Land spürbar und stetig vorankommen. Natürlich bleiben Herausforderungen bestehen, etwa durch Marktbedingungen oder Investitionszyklen. Aber wir lassen uns von Schwierigkeiten und Widrigkeiten nicht aufhalten. Der kontinuierliche Ausbau wird nicht nur vom politischen Willen getragen: Wir spüren allenthalben die gemeinsame Entschlossenheit, diese Entwicklung auf allen Ebenen aktiv voranzutreiben. Bei unseren Kommunen und Unternehmen ist ein großer Tatendrang fest verankert und deutlich wahrnehmbar. Und genau deshalb sind Vereinbarungen wie der Glasfaserpakt und Instrumente wie der Gigabitatlas so wichtig: um nicht nur zu zeigen, wie es gerade aussieht, sondern auch, mit welcher Kraft wir die Zukunft umsetzen.
Über den Gesprächspartner: Daniel Röck
Daniel Röck leitet das Referat 43 – Digitale Infrastruktur im Ministerium des Inneren, für Digitalisierung und Kommunen Baden-Württemberg. In dieser Funktion verantwortet er unter anderem Förderprogramme für den Breitbandausbau sowie die strategische Weiterentwicklung von Glasfaser- und Mobilfunkinfrastrukturen.
Darüber hinaus beschäftigt sich sein Referat mit regulatorischen Fragen, der Koordination eigenwirtschaftlicher Ausbauaktivitäten und neuen Technologien wie Satellitenkommunikation. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Stärkung der Sicherheit und Resilienz digitaler Infrastrukturen im Land.
Unsere Artikelreihe zu den Aktivitäten in den Bundesländern
Welche Strategien verfolgen die Bundesländer beim Ausbau digitaler Infrastrukturen? Und welche Maßnahmen setzen sie ein, um den Ausbau von Glasfaser- und Mobilfunknetzen schneller voranzubringen? In dieser Artikelreihe spricht das Gigabitbüro des Bundes mit Vertreterinnen und Vertretern der Bundesländer, den Anfang macht Baden-Württemberg. In den kommenden Monaten werden weitere Bundesländer folgen; alle Länder sind eingeladen, sich aktiv an dem Format zu beteiligen.






