Digitalisierung im Landkreis Hof: Das Modellprojekt hoferLand.digital – Ein Interview mit Vanessa Wagner
hoferLand.digital ist das Smart-City-Modellprojekt des Landkreises Hof und seiner 27 Kommunen. Seit 2020 erprobt das Team, wie sich die Digitalisierung im ländlichen Raum konkret nutzbar machen lässt. Im Interview erzählt Vanessa Wagner, was in sechs Jahren Projektlaufzeit entstanden ist, wo es hakt und was es für eine Fortsetzung bräuchte.
Einordnung: Das Modellprojekt hoferLand.digital
Das Modellprojekt hoferLand.digital läuft seit 2020 im Bundesförderprogramm „Modellprojekte Smart Cities“ und wird voraussichtlich im Jahr 2027 enden. Der Landkreis trägt das Vorhaben gemeinsam mit 27 Kommunen. Formal sind diese Kommunen die Förderempfänger, der Landkreis aber übernimmt die Koordination. Zusätzliche Dynamik und Impulse brachte der Zuständigkeitswechsel des Bundesprogramms vom Innen- in das Bauministerium. Dieses Spannungsfeld zwischen Digitalisierungs- und Stadtentwicklungsperspektive prägt bis heute viele Erwartungen an das Projekt.
Was das in der Praxis bedeutet, welche Ziele hoferLand.digital verfolgt und welche Projekte bereits laufen, erzählt Vanessa Wagner (Landkreis Hof) im Gespräch mit Jennifer Bengelsdorf (Gigabitbüro des Bundes).
Jennifer Bengelsdorf: Frau Wagner, lassen Sie uns mit einem Blick auf die inhaltliche Ausrichtung starten: Welche Ziele haben Sie sich zu Beginn von hoferLand.digital gesetzt und welche Maßnahmen sind daraus bislang ganz konkret entstanden?
Vanessa Wagner: Unser übergeordnetes Ziel ist, Digitalisierung im ländlichen Raum sichtbar zu machen und voranzutreiben. Dafür haben wir verschiedene Themenfelder definiert.
Ein Themenfeld ist das H2O-Management, also alles rund ums Wasser. Hier erforscht die Hochschule Hof, welche Ressourcen die Kommunen haben, welche Bedarfe es gibt und wie sich Wasser auch interkommunal teilen lässt. Am Ende soll eine Plattform entstehen, über die sich die Kommunen informieren können.
Ein weiterer Bereich ist die digitale Teilhabe. Hier bündeln wir unsere Bürgerbeteiligungsprojekte. Ein Beispiel ist die Virtual-Reality-Anwendung im Rahmen des Grenzmuseums in Mödlareuth. Dort wird die Geschichte der deutschen Teilung immersiv mithilfe von VR-Brillen erzählt. So werden einerseits weniger digital affine Menschen an diese Technik herangeführt, gleichzeitig kommt das Angebot bei Schülerinnen und Schülern ebenfalls sehr gut an.
Wir haben außerdem das Themenfeld Daten und Visualisierung („Data Lake“). Hier werden Daten, die wir in der Verwaltung und über den Landkreis haben, möglichst transparent und einfach dargestellt. Daraus sind der Digitale Zwilling für Geodaten, interaktive Dashboards für statistische Kennzahlen (z. B. zur Bevölkerungsentwicklung, zur Nutzung des Hofer LandBus oder der Taupunktsensorik) und ein Datenkatalog, für z. B. Straßenlichter oder Fließgewässerstellen, entstanden, über den Bürgerinnen, Bürger und Verwaltungen Daten einsehen und weiterverwenden können. Der Digitale Zwilling des Landkreises bietet dabei eine virtuelle Darstellung der gesamten Region und bildet beispielsweise Daten zu Gebäuden, Infrastruktur und Natur digital erlebbar ab.
Jennifer Bengelsdorf: Sie haben es gerade schon angesprochen: Besonders sichtbar werden die Maßnahmen zum Beispiel beim Digitalen Zwilling. Was war denn für die Kommunen und auch für die Bürgerinnen und Bürger besonders relevant und wichtig?
Vanessa Wagner: Für Kommunen sowie Bürgerinnen und Bürger ist der Bereich „Data Lake“ am greifbarsten, also unsere Daten- und Visualisierungsprojekte. Spannend ist hier die Kombination von unterschiedlichen Themen im Digitalen Zwilling. Im Digitalen Zwilling kann man über verschiedene Kartenlayer Informationen ein- und ausblenden, zum Beispiel zu Hochwasser, zu Rad- und Wanderwegen oder das Solarpotenzialkataster. Diese Anwendungsfälle sind nahbar und werden am häufigsten genutzt.
Gleichzeitig haben wir bei der Datenbeschaffung für den Digitalen Zwilling auch viel für die Verwaltungen erreicht. Die öffentlichen Daten im Digitalen Zwilling, in den Dashboards und im Datenkatalog kann grundsätzlich jeder nutzen. Alles, was wir herausgeben können, ist über die öffentlichen Anwendungen sichtbar; es gibt aber natürlich auch einige Datensätze, die verwaltungsintern verbleiben müssen. Technisch läuft die Datenbeschaffung für die Echtzeitdaten über LoRaWAN, also eine IoT-Funktechnologie, für die wir zuerst ein eigenes Netz im Landkreis aufbauen konnten. So konnten wir die Daten z. B. zur Taupunktsensorik auch über weite Strecken mit vielen Wäldern, Wiesen und verschiedenen Höhen- und Tieflagen, die den Empfang deutlich beeinträchtigen, sammeln.
Jennifer Bengelsdorf: Es sind 27 Kommunen des Landkreises Hof am Modellprojekt beteiligt. Wie haben Sie die Zusammenarbeit in den verschiedenen Kommunen organisiert, gerade bei sehr unterschiedlichen Ausgangslagen?
Vanessa Wagner: Für die 27 Projektkommunen haben wir mehrere Ebenen der Zusammenarbeit. Es gibt im Landkreis Hof regelmäßige Bürgermeisterdienstbesprechungen: Dort sind wir zu Gast und berichten über Aktuelles aus dem Projekt. Das formale Entscheidungsgremium für die Maßnahmen ist der Kreistag. Am Anfang haben wir jede Bürgermeisterin und jeden Bürgermeister mindestens einmal persönlich besucht, das Projekt erklärt und gefragt: „Was braucht ihr, welche Ideen habt ihr?“ Wir wollen dabei niemandem zusätzliche Arbeit machen. Deshalb war für uns maßgeblich, dass Projekte entweder von uns gemanagt oder, soweit möglich, automatisiert werden.
Jennifer Bengelsdorf: Ich kann mir vorstellen, dass das Thema für Menschen, die sich darunter nicht so viel vorstellen können, erstmal weniger greifbar ist. Wie haben Sie die Kommunen dabei mitgenommen?
Vanessa Wagner: Im Bereich des Digitalen Zwillings bedeutet das konkret, dass wir derzeit eine ganze Schulungsreihe anbieten. Außerdem haben wir projektspezifische Runden organisiert, zum Beispiel ein Treffen der GIS-Verantwortlichen aller Kommunen im Landratsamt, um Datenerfassung und Nutzung zu erläutern. Dabei geht es auch immer um Vertrauen und Rollenklärung: Wir mischen uns nicht in ihre Arbeit ein, wir schaffen keine Konkurrenz, sondern wir wollen unterstützen. Auch intern befinden wir uns in einem kontinuierlichen Austausch: Neue Themen wie Smart City stoßen naturgemäß nicht überall sofort auf uneingeschränkte Zustimmung. Umso wichtiger ist uns der Dialog, durch den wir gemeinsam Verständnis schaffen, Perspektiven zusammenführen und tragfähige Lösungen entwickeln.
Jennifer Bengelsdorf: Auf der anderen Seite steht die Bevölkerung: Nicht alle sind digitalaffin. Wie haben Sie im Projekt hoferLand.digital die Bürgerkommunikation gestaltet, um auch skeptische oder weniger digitale Menschen zu erreichen?
Vanessa Wagner: Auf Bürgerseite lief der Einstieg vor allem über die Bürgerbeteiligung in der Strategiephase zu Beginn des Projekts. In der laufenden Umsetzungsphase versuchen wir immer wieder, Beteiligungsformate anzubieten. Hierzu gehören Workshops mit Azubis, Ferienangebote wie ein Minecraft-Workshop zur Verbindung von Stadtentwicklung und Digitalisierung sowie verschiedene Veranstaltungen vor Ort in den Kommunen.
Der eigentliche Gamechanger für die Wahrnehmung war unsere große Ausstellung zur Eröffnung des „Innovationsraums“, der digitale Lösungen präsentiert und zum Mitmachen einlädt. Wir wollten die Landingpage, den Digitalen Zwilling und die Dashboards näher an die Menschen bringen. Also haben wir einen Bahnhof gemietet, komplett verdunkelt und eine Ausstellung aufgebaut; inklusive kleiner Lasershow und Besuch der Bundesbauministerin Verena Hubertz. Besonders gut funktionierte das, weil wir gezielt Gruppen angesprochen haben, zum Beispiel VHS-Kurse, Schulklassen, Vereine oder Rotary-Clubs.
Jennifer Bengelsdorf: Über vielen dieser Aktivitäten steht die Frage, wie es langfristig weitergeht. Wie schätzen Sie allgemein das Risiko ein, dass Smart-City-Projekte eingestellt werden müssen oder auslaufen?
Vanessa Wagner: Die „Modellprojekte Smart City“ des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen sind als zeitlich befristete Förderung angelegt. Sie sollen Kommunen dabei unterstützen, innovative Ansätze zu entwickeln, zu erproben und erste Strukturen aufzubauen, mit dem Ziel, diese anschließend eigenständig weiterzuführen. Entscheidend sind dabei die Mitarbeitenden, die in den Projekten wertvolle Kompetenzen in Digitalisierung, Projektmanagement und Förderlogik bündeln. Kommunen und Landkreise sind gut beraten, dieses Know-how zu sichern und nach Möglichkeit langfristig zu halten.
Gleichzeitig war es uns von Anfang an wichtig, Projekte so aufzusetzen, dass sie auch ohne Förderung tragfähig sind. Anwendungen wie ein Digitaler Zwilling sind entsprechend nachhaltig konzipiert.
Insgesamt verstehen wir Smart City als wichtigen Innovationsbereich innerhalb der Verwaltung – eine Art Ideenlabor, das Impulse für die zukünftige Entwicklung setzt und daher möglichst verstetigt werden sollte. Die Verstetigung solcher Ansätze erfordert entsprechende Ressourcen. Förderprogramme sind dabei eine wichtige Unterstützung, denn Kommunen stehen vor einer Vielzahl an Pflichtaufgaben und arbeiten häufig unter angespannten Haushaltsbedingungen.
Jennifer Bengelsdorf: Zum Abschluss würde mich noch interessieren: Welche Form von Unterstützung würden Sie sich langfristig wünschen, zum Beispiel in Form von Wissensimpulsen oder Schulungen?
Vanessa Wagner: Das ist eine gute Frage. Aus meiner Sicht ist das Thema Geschäftsmodellentwicklung für bestehende Lösungen ein zentrales Thema. Wir haben gemerkt, dass unser Fördermittelgeber zwar Institutionen beauftragt hat, die uns beraten sollen. Aber sobald es konkret wurde, zum Beispiel bei Geschäftsmodellen rund um LoRaWAN, kamen wir schnell an Grenzen. Wir bräuchten einen niederschwelligen Zugang zu rechtssicherer Beratung, idealerweise von jemandem, der sowohl Kommunalrecht als auch solche Innovationsprojekte kennt.
Über die Gesprächspartnerin
Vanessa Wagner ist Projektkoordinatorin und Arbeitsbereichsleitung im Smart-City-Team des Landkreises Hof. In dieser Funktion koordiniert sie zentrale Aktivitäten im Modellprojekt hoferLand.digital, arbeitet eng mit den verschiedenen Fachbereichen zusammen und ist wichtige Schnittstelle zu den 27 Kommunen im Landkreis. Zudem wirkt sie maßgeblich an der Kommunikation rund um das Modellprojekt mit.




