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19. November 2020
ARTIS-Uli Deck

Die NetCom BW und die Plusnet sind die Unternehmen der EnBW im Telekommunikationsmarkt: Die NetCom BW ist in Baden-Württemberg einer der großen Festnetzbetreiber mit eigener Highspeed-Glasfaserinfrastruktur. Das Unternehmen wurde 2014 gegründet und arbeitet inzwischen für fast die Hälfte aller Kommunen im Südwesten. Die Plusnet GmbH mit Sitz in Köln ist ein Telekommunikationsunternehmen mit eigener bundesweiter Netzinfrastruktur. Bernhard Palm, Vorsitzender der Geschäftsführung sowohl der NetComBW GmbH als auch der Plusnet GmbH, erläutert im Gespräch mit dem Gigabitbüro des Bundes, wo er die aktuellen Trends und Herausforderungen im Gigabitausbau sieht.

Was sind die wichtigsten Entwicklungen / Trends im Hinblick auf den Ausbau gigabitfähiger Netze in den kommenden Jahren?

Bernhard Palm: Während sich der aktuelle Breitbandausbau insbesondere auf eigenwirtschaftlich interessante Bereiche und geförderte weiße Flecken fokussiert, werden wir schon bald auch Aktivitäten in den grauen Flecken sehen. Die erwartete Förderung wird dazu beitragen, dass dann auch mittlere und größere Kommunen mit Glasfasernetzen bis in die Gebäude erschlossen werden. Diese stehen dann im Wettbewerb zu FttC- und Kabelnetzen und damit um potenzielle Kunden. Die initialen Take-Rates der Kunden werden aber nicht mehr denen aus den weißen Flecken entsprechen. Da gilt es deshalb, daran angepasste Geschäfts- und Kooperationsmodelle zu finden.
Zudem werden wir immer mehr Beispiele für neue, innovative und sinnvolle Anwendungen auf diesen neuen Netzen sehen – z.B. smarte Quartiere und Städte.

Und wie sehen Sie die Entwicklungen im Bereich Mobilfunk und 5G? 

Bernhard Palm: Letztlich sind Glasfasernetze das starke Rückgrat aller Zugangstechnologien. Um die hohen Bandbreiten realisieren zu können, die mit 5G im Mobilfunk möglich werden, müssen die 5G-Basisstationen mit Glasfaserverbindungen angebunden werden. Da kommt unter anderem auch die NetCom BW ins Spiel. Als ein langjähriger und zuverlässiger Partner der Mobilfunknetzbetreiber unterstützt die NetCom BW den Aufbau der Mobilfunknetze mit glasfaserbasierten Breitbandanbindungen der Antennenstandorte – und das nicht nur bei 5G, sondern bereits bei 4G (LTE).

Was genau bedeutet „Netz Aggregation“ technisch und inwiefern ist es für den Gigabitausbau in Deutschland relevant?

Bernhard Palm: Das lässt sich ganz anschaulich an unserem eigenen Beispiel, der Plusnet als Service-Provider, erklären. Um auch zukünftig Netz-nahe Dienste anbieten zu können, brauchen wir den langfristigen Zugang auf die Glasfasernetze. Auch zu denen, die sich im Eigentum Dritter befinden. Dafür wollen wir uns mit diesen Netzen verbinden; unser eigenes, deutschlandweites Backbone hilft uns dabei. Im Ergebnis entsteht für uns ein einheitliches, großes virtuelles Netz. Daran hat aber nicht nur die Plusnet ein Interesse. Zum einen stehen auch andere Service-Provider vor der gleichen Herausforderung. Zum anderen führt die Zusammenführung alternativer Netze zu veränderten Marktkräften auf der Seite der Netzbetreiber.

Welchen Nutzen hat ein Netzbetreiber von einer Zusammenarbeit konkret und für welche Netzbetreiber ist Ihr Angebot am interessantesten?

Bernhard Palm: Der Glasfaserausbau wird derzeit vor allem von kleineren regionalen Carriern und Stadtwerken vorangetrieben. Diese suchen sich oftmals erfahrene Partner. Die EnBW-Tochtergesellschaften NetCom BW und Plusnet bieten hier verschiedene Kooperationsmöglichkeiten. Die NetCom BW pachtet beispielsweise passive Glasfaserinfrastrukturen der Kommunen im Rahmen des geförderten Glasfaserausbaus an, baut eigene aktive Technik auf und schließt das kommunale Netz an das eigene Glasfaser-Backbone an. Anschließend übernimmt die NetCom BW den Netzbetrieb und bietet sowohl Privat- als auch Gewerbekunden hochbitratige Breitbandanschlüsse und Kommunikationslösungen an.

Mit unseren Plusnet-Dienstleistungen des aktiven Netzbetriebes und der Bereitstellung von White Label Produkten ermöglichen wir neuen Netzbetreibern wie z.B. Stadtwerken einen schnelleren Start in den Telekommunikationsmarkt. Zudem sparen sie Investitionsmittel und Betriebskosten, da wir unsere Leistungen als Plattformdienste betreiben und somit profitiert auch der Netzbetreiber von Skalierungseffekten. Der Vertrieb eigener Produkte kann zu signifikanten Erlösen führen. Nicht zuletzt tragen auch wir durch die Nachfragekraft als Service-Provider und der unserer Vertriebspartner zu einem schnelleren ROI der Investitionen in die Netzinfrastruktur bei. Das gilt auch aufgrund unseres modularen Leistungsangebotes für Netzbetreiber jeder Größe und deutschlandweit.

Wholebuy ist ein zentrales Thema – wie hoch schätzen Sie das zusätzliche Auslastungspotential (take rate) der von der Netcom BW und Plusnet aggregierten Netzbetreiber und wie hoch ist der tatsächliche operative Aufwand einen potenziellen Wholebuyer auf ein Stadtwerknetz zu schalten?

Bernhard Palm: Genau lässt sich der Anteil nur schwer schätzen. Aber der Wholebuy-Anteil wird gerade in grauen Flecken immer relevanter werden. Dabei lässt sich der operative Aufwand in drei Bereiche unterteilen: die Vertragsgestaltung, die Zusammenschaltungen der Netze und die der IT-Systeme.

Um den operativen Aufwand zu reduzieren und damit auch die Zusammenarbeit mit sehr kleinen Netzbetreibern zu befördern, hilft eine größtmögliche Vereinheitlichung und Standardisierung von Schnittstellen. Verschiedene Arbeitskreise arbeiten unter Beteiligung verschiedenster Marktteilnehmer im Telekommunikationsmarkt genau daran – hier bringen wir uns ebenfalls aktiv ein. Das Beispiel der sogenannten S/PRI-Schnittstelle zeigt sehr eindrucksvoll, wie das bei der Harmonisierung von Prozessen und Schnittstellen marktübergreifend gelingen kann.

Funktioniert das mit allen Netzen, also auch mit HFC bzw. welche Voraussetzungen müssen gegeben sein?

Bernhard Palm: Grundsätzlich funktioniert das mit allen Netztechnologien. Ziel ist es, potenziellen Vermarktungspartnern das Angebot des etablierten Produktportfolios auf allen Infrastrukturen zu ermöglichen. Die Herausforderungen ergeben sich hierbei eher aufgrund unterschiedlicher Prozesse und nicht immer standardisierten Schnittstellen, aber auch aufgrund der unterschiedlichen Ausgestaltung der einzelnen Vorleistungen. Plusnet wird bei Gesprächen mit potenziellen Netzbetreibern keine Technologie und damit auch nicht die Kabelnetzbetreiber ausschließen.

Welche Empfehlung hätten Sie für kleinere Netzbetreiber oder Kommunen, die sich überlegen, selbst aktiv zu werden und den Glasfaserausbau voranzutreiben?

Bernhard Palm: Gehen Sie den Breitbandausbau mutig an, die mit einem Glasfasernetz verbundenen Chancen sind sehr groß. Suchen Sie sich kompetente und verlässliche Partner, denn Sie müssen nicht alles selbst leisten und aufbauen. Es gibt unterschiedliche Kooperationsmodelle, bei denen alle involvierten Partner die richtige Rolle finden.

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